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Jenny Löbert

Berlin, Germany

Eine Berlingeschichte, 115 cm x 84 cm, Mischtechnik auf Holz, 2009

Jenny Löbert

Eine Berlingeschichte

Das Gequetsche auf der Mauer ist groß, alle wollen rauf, lachen und umarmen sich. Hin und wieder verliert der ein oder andere das Gleichgewicht und fällt hinunter. So geschah es Stefan B. aus Reinickendorff. Er rutschte ab in Höhe Brunnenstraße und fiel in den Ostteil.

Stefanie D., wohnhaft in Treptow, wurde runtergeschubst und kam mit dem Westteil eher unsanft in Berührung. Krankenhaus Charite, ein paar Tage später: Vor dem Kaffeeautomaten begegnen sich Stefan B. und Stefanie D. Beide haben beide Arme gebrochen. Mit vereinten Kräften gelingt es ihnen an einen Becher Kaffee zu kommen. Die Euphorie Berlins, die mißliche Lage in der beide stecken, der gemeinsam erkämpfte Becher Kaffee: Um Stefan B. und Stefanie D. ist es geschehen. Die Umarmung mit vier gebrochenen Armen wirkt etwas unbeholfen, der Kuß geht dafür durch Mark und Bein. Stefan B. und Stefanie D. sind das erste Ost/Westliebespaar nach der Maueröffnung. Und wie der Zufall es so will, kommen beide aus dem gleichen Metier. Stefan B. ist Inhaber einer Currywurstbude in dritter Generation. Stefanie D. leitet den gefragtesten Breulerimbiß vom Baumschulenweg. Wie gut, daß man zum Kinder zeugen nicht unbedingt die Arme braucht. Neun Monate später Geburt der Tochter Desiree-Marie. Und weil alles so schön ist, nochmal neun Monate später Geburt des Sohnes Kevin-Marcel.

Beruflich trifft man sich in der Mitte. Stefan B. und Stefanie, jetzt, D.-B. eröffnen einen Curry-wurst/Breulertempel in der Oranienburgerstraße, der innerhalb kürzester Zeit zum Intreff unter den Imbißliebhabern wird.

An den Wochenenden geht es abwechselnd zu Oma B.‘s Parzelle nach Tegel und zu Oma D.‘s Datsche nach Pankow. Oma B. und Oma D. sind sich nicht besonders grün seit herauskam, daß der bereits vor 30 Jahren verstorbene Opa B. und Oma D. aus dem gleichen Dorf in Ostpreußen stammten. Diese Tatsache ansich ist ja nicht wirklich schlimm. Schlimm findet Oma B. allerdings, daß Oma D. kurzzeitig in der Königsbergerklopsegaststätte von Opa B.‘s Familie gearbeitet und nicht nur eine heiße Nacht mit Opa B. verbracht hat. Die Flucht hat diese Affäre dann jäh beendet.

Zurück nach Berlin: Die Kinder Desiree-Marie und Kevin-Marcel wachsen heran. Die Familie lebt im Reuterkiez in Neukölln. Auf der Love Parade am 17. Juni lernt Desiree-Marie den türkischstämmigen Firat kennen. Firat gibt Desiree-Marie großzügig einen von seinen Ohren-stöpseln ab. Daraufhin teilt Desiree-Marie eine Ecstasypille mit ihm. Beide kommen total gut drauf. Zu Technobässen vögeln sie im Tiergarten und schwören sich ewige Liebe. Das macht natürlich hungrig und so wird abends in der Dönerbude von Firat‘s Onkel ordentlich geschlemmt.

Ihr Bruder Kevin-Marcel hat da weniger Glück mit dem anderen Geschlecht.

Wegen Gegrapsche an einem Neohippimädchen wird er der Rütlischule verwiesen. Frustriert legt er sich eine Pitbullhündin zu und schließt sich den Treptower Glatzen an.

Dann kommt der 90. Geburtstag von Oma B. Gefeiert wird im Currywurst/Breulertempel in Mitte. Die ganze Familie kommt, sogar Manfred B., Oma B.‘s Sohn und Vater von Stefan B. Manfred B. ist ein Alt68er. Den damaligen Einstieg in die Currywurstbude von Opa B. aus wirtschaftlichen Gründen hat er sich bis heute nicht verziehen. Auch wenn er es im Wurst-metier nicht lange aushielt, es war in seinen Augen politisch nicht korrekt und den Tieren gegenüber verantwortungslos. Um sich selbst zu bestrafen, brach er jeden Kontakt zu seiner fleischfressenden und mit toten Tieren Profit machenden Verwandtschaft ab. Er ist jetzt Aktionär im Veganerverbund und organisiert Demos gegen Würste. Sein Erscheinen zu Oma B.‘s neunzigsten hat nur einen Grund: Er hat Angst enterbt zu werden. Natürlich schämt er sich für seine niederen Beweggründe. Als Buße wird er den Rest des Jahres jeden Tag um fünf Uhr aufstehen und nur grünes Essen zu sich nehmen.
Zusätzlich zur Familie sind auch die Gastronachbarschaft und alle Freunde eingeladen. Oma B. will ihren neunzigsten gebührend feiern. Alles verläuft feierlich und harmonisch bis zu dem Zeitpunkt als Oma D. anfängt lautstark Geschichten aus Ostpreußen und was sie damals doch für ein heißer Feger war, zu erzählen.

Die Feier eskaliert...

 

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